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Die Ausgabe 4/2005 von Recht & Psychiatrie beschäftigt sich unter anderem mit der neueren Gesetzgebung in Österreich und Finnland. In der Rechtsprechungsübersicht sind ausführliche Informationen über den "Fall Vera Stein" sowie über "Zwangsbehandlung während betreuungsrechtlicher Unterbringung" zu finden.
Originalbeiträge
- Hans Schanda: Die aktuelle Psychiatriegesetzgebung in Österreich: Zivil- und Strafrecht aus psychiatrischer Sicht
- Hanna Putkonen: Gesetzliche Grundlagen psychiatrischer Zwangsmaßnahmen in Finnland
- Helmut Pollähne: Gutachten über »die Behandlungsaussichten« im Maßregelvollzug
Rechtsprechungsübersicht
- EGMR/Urteil v. 16.6.2005 – Individualbeschwerde Nr. 61603/00: Staatliche Verantwortung für rechtswidrige Freiheitsentziehung in psychiatrischer Privatklinik; Entschädigung
- OLG Celle/Beschluss v. 10.8.2005 – 17 W 37/05: Zwangsbehandlung während Betreuungsrechtlicher Unterbringung. Anmerkung Rolf Marschner
- BVerfG/Beschluss v. 16.11.2004 – 2 BvR 2004/04: Zulässigkeit der Untätigkeitsbeschwerde; Fristüberschreitung bei Maßregelvollstreckung. Anmerkung Helmut Pollähne
- BGH/Beschluss v. 4.11.2004 – 4 StR 81/04: Schuldfähigkeit in »hypomanischer Episode«
- BGH/Beschluss v. 8.3.2005 – 3 StR 7/05: Unzulässiger Vorwegvollzug (zusätzliches Strafübel).
Anmerkung Helmut Pollähne
- OLG Jena/Beschluss v. 20.12.2004 – 1 Ws 388/04: Aussetzung/Erledigung der Unterbringung; Verhältnismäßigkeit
Buchbesprechungen
- Ingram A (Hrsg) (1998) Patterns of Madness in the Eighteenth Century, A Reader. (Bernd Volckart)
- Lamnek S, Ottermann R (2004) Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext.(Alexander Vollbach)
- Bender T, Auchter T (Hrsg) (2004) Destruktiver Wahn zwischen Psychiatrie und Politik. Forensische, psychoanalytische und sozialpsychologische Untersuchungen. (Norbert Konrad)
- Ketelsen R, Schulz M, Zechert C (Hrsg) (2004) Seelische Krise und Aggressivität. Der Umgang mit Deeskalation und Zwang. (Norbert Konrad)
- Robertz FJ, Thomas A (Hrsg) (2004) Serienmord. Kriminologische und kulturwissenschaftliche Skizzierungen eines ungeheuerlichen Phänomens. (Helmut Pollähne)
Hans Schanda: Die aktuelle Psychiatriegesetzgebung in Österreich: Zivil- und Strafrecht aus psychiatrischer Sicht Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in sämtlichen Ländern der westlichen Welt im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen einsetzenden Psychiatriereformen machten die Neuformulierung einschlägiger zivil- und strafrechtlicher Bestimmungen erforderlich. In Österreich erfolgte diese Entwicklung relativ spät. Zivilrecht: 1984 wurde die Entmündigungsordnung vom differenzierten, individuelle Defizite in größerem Ausmaß berücksichtigenden Sachwalterrecht abgelöst. Das 1991 in Kraft getretene neue Unterbringungsrecht definierte die Kriterien für eine unfreiwillige stationäre Behandlung restriktiver, stellte den Patienten Rechtsvertreter zur Seite und sorgte für mehr Transparenz im Verfahren. Strafrecht: Im Falle einer im Zustand der Zurechnungsunfähigkeit verübten Straftat, die mit einer Strafe von mehr als einem Jahr bedroht ist, wird ein psychisch Kranker nach seit 1975 geltendem österreichischen Recht exkulpiert, jedoch bei Vorliegen einer ungünstigen krankheitsbedingten Gefährlichkeitsprog-nose auf unbestimmte Zeit in die so genannte vorbeugende Maßnahme eingewiesen (§ 21/1 StGB). Der Begriff der verminderten Zurechnungsfähigkeit existiert im österreichischen Recht nicht. Allerdings kann auch eingewiesen werden, wer – obwohl zurechnungsfähig – die Tat unter dem Einfluss einer »geistigen oder seelischen Abartigkeit« höheren Grades begangen hat (§ 21/2 StGB). Besondere strafrechtliche Regelungen für entwöhnungsbedürftige Rechtsbrecher (§ 22 StGB) und gefährliche Rückfalltäter (§ 23 StGB) sind in der Praxis von untergeordneter Bedeutung. Kommentar: In den letzten Jahren kam es in Österreich mit dem Fortschreiten der Psychiatriereformen zu einem massiven Anstieg der Einweisungen in den Maßnahmenvollzug. Die möglichen Gründe für diese auch international zu beobachtende Entwicklung werden diskutiert. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Gesetzesreformen nicht als isolierte Eingriffe in das Gemeinschaftsleben aufzufassen sind. Ihre Formulierung und vor allem die Art ihrer Vollziehung sind auch Ausdruck der emotionalen Bereitschaft einer Gesellschaft zu Veränderungen. Im Fall der Psychiatriereformen bestehen offensichtlich zwischen den intendierten Verbesserungen und deren Umsetzung beträchtliche Diskrepanzen. Schlüsselwörter: Psychiatriereformen, Psychiatriegesetzgebung, Unterbringungsrecht, psychisch kranke Straftäter Mental health legislation in Austria: civil and penal laws from a psychiatric viewpoint One of the consequences of the societal changes during the 2nd half of the 20th century in all countries of the Western world was the introduction of psychiatry reforms. This required a revision of the relevant laws. Austria followed this development rather late. Civil laws: The new guardianship law came into force in 1984, the new civil commitment law in 1991. The latter defined the preconditions for involuntary admission to mental hospitals more restrictively and strengthened the patients’ position by the provision of patient advocates. Penal laws: According to the 1975 penal reform, an offender can be exculpated by reason of insanity, though being subject to criminal commitment for an indefinite period of time, if the offence 1) is threatened with a prison sentence of more than one year, 2) was committed in direct association with a mental disorder or severe intellectual disability, and if 3) the court assumes a poor illness-related criminal prognosis (§ 21/1 Austrian penal law). In contrary to Germany, for example, Austrian law does not provide for the possibility of diminished responsibility. However, if a responsible offender committed the offence under the influence of a »mental abnormality of higher degree (mainly targeting severe forms of personality disorder), criminal commitment is possible parallel to a prison sentence (§ 21/2 Austrian penal law). Special forms of criminal commitment for substance abusers and «dangerous repetitive offenders« are of minor importance in practice. Comment: During the last 15 years we have been confronted with an enormous increa-se of admissions to criminal commitment. The possible reasons for this internationally well-known development are discussed. In conclusion, the new psychiatry laws do not represent single, isolated interventions in the social life of communities. Rather, they have to be understood in the light of the societal changes during the last decades. Their formulations and their execution are a proxy for the emotional readiness of societies to principal changes. In the case of psychiatry reforms, considerable discrepancies between the intentions of the laws and their transfer into practice do exist. Key words: Psychiatry reforms, mental health legislation, civil commitment, mentally disordered offenders
Hanna Putkonen: Gesetzliche Grundlagen psychiatrischer Zwangsmaßnahmen in Finnland In Finnland sind die Unterbringung und Versorgung psychisch Kranker im Psychiatriegesetz und in der Psychiatrieverordnung geregelt. Die dort festgelegten Prinzipien gelten auch für psychisch kranke Straffällige. Weitere einschlägige Regelungen finden sich im Strafrecht, dem Gesetz für staatliche psychiatrische Krankenhäuser, dem Gesetz zur Fürsorge Abhängigkeitskranker sowie im Vormundschaftsgesetz. Das Ministerium für Gesundheit und Soziales ist federführend in der Entwicklung und Qualitätssicherung der psychiatrischen Versorgung sowie der Überwachung der darin Tätigen. Zwangsunterbringungen und -behandlungen bedürfen der Begutachtung durch drei Ärzte, aber keines Gerichtsbeschlusses. Betreuungsrechtliche Unterbringungen gibt es nicht. Zwangsmaßnahmen sind nur bei schweren psychiatrischen Erkrankungen möglich, in der Regel bei Psychosen, und werden regelmäßig überprüft. Patienten mit Persönlichkeitstörungen können nicht gegen ihren Willen untergebracht werden. Ambulante Zwangsmaßnahmen sind ebenfalls nicht vorgesehen. Auch bei untergebrachten Patienten ist eine Einschränkung der Grundrechte, etwa im Hinblick auf Eigentum oder Kontakte zu anderen, nur insofern möglich als dies im Rahmen der Behandlung unerlässlich ist. Weitreichende Einspruchsmöglichkeiten für Patienten sind vorgesehen. Die Behandlung von forensischen Patienten erfolgt in einem von zwei staatlichen, psychiatrischen Krankenhäusern, die jedoch auch nicht straffällig gewordene Patienten aufnehmen können, deren Behandlung anders nicht sichergestellt werden kann. Im Jahre 2002 wurde die finnische Psychiatriegesetzgebung zuletzt geändert, um die Regelungen zur Zwangsunterbringung der Gesetzgebung in anderen europäischen Ländern anzupassen. Weitere Änderungen im Hinblick auf Behandlungen von persönlichkeitsgestörten Patienten und ambulante Zwangsmaßnahmen werden derzeit beraten. Schlüsselwörter: Forensik, Psychiatriegesetz, Unterbringung, Zwangsbehandlung, Finnland The legal basis of compulsory psychiatric care and treatment in Finland The care and treatment of psychiatric patients in Finland is regulated by the mental health act as well as the mental health decree. The basic principles outlined there are the same for both, civil and forensic patient. Further laws concerning psychiatric patient care are the criminal Law, the law on state mental hospitals, the act on welfare for substance abusers and legislation regarding guardianship. The Ministry of Social Affairs and Health guides the development of policies of and health care and supervises service provision. Involuntary detention and treatment of psychiatric patients in Finland is possible under strictly defined circumstances and require supportive statements of three doctors but no court decisions. Only patients with severe mental illnesses – usually psychotic illnesses – can be detained. Involuntary treatment of personality disordered patients or in the community are not possible. A patient’s right of self-determination and other fundamental rights may only be limited only to the extent necessary for the treatment of the illness or for the person’s safety of the safety of others. Regular reviews are required and patients have a range of different options to appeal against detention and involuntary treatment. Forensic patients are usually initially treated in one of two state hospitals. These institutions also admit civil patients who cannot be cared for adequately elsewhere. Finnish mental health legislation was last amended in 2002 to match the legislation of the rest of the EU. Further changes are currently considered in relation to the treatment of patients with personality disorders and involuntary treatment in the community. Key words: Mental health legislation, involuntary treatment, detention, forensic, Finland
Helmut Pollähne: Gutachten über »die Behandlungsaussichten« im Maßregelvollzug Vor Anordnung einer freiheitsentziehenden Maßregel ist zwingend das Gutachten eines Sachverständigen einzuholen (§ 246a StPO). Dass dieser sich nicht nur zum Zustand des Angeklagten, sondern auch zu »den Behandlungsaussichten« äußern soll, muss überraschen, da zumindest für die Unterbringungen in einem psychiatrischen Krankenhaus und in der Sicherungsverwahrung nach verbreiteter Ansicht der mögliche Therapieerfolg keine Bedeutung haben soll. Zugleich häufen sich die Klagen der forensischen Psychiatrie über vermehrte Fehleinweisungen sog. »Unbehandelbarer«. Die Vorschrift wird juristisch analysiert und ihre Bedeutung für die unterschiedlichen Maßregeln herausgearbeitet: In jedem Fall der Anordnung (§§ 63 bis 66b StGB) ist der Sachverständige auch zu den Behandlungsaussichten zu vernehmen; ein Verstoß gegen diese Pflicht begründet die Revision. Abschließend werden Vorschläge unterbreitet zur Einbeziehung der Behandlungsaussichten in die Entscheidung über die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (§§ 63, 62 StGB). Schlüsselwörter: Maßregel, Unterbringung, Gutachten, Behandlungsaussichten, »Unbehandelbare«, Sicherungsverwahrung Prognostic assessment for treatment in forensic psychiatry Before making a hospital order the court has to obtain a psychiatric report (§ 246a StPO). Considering that it is widely held that a possible success of treatment is not a pre-condition for a hospital order it surprises that the psychiatric report has to address not only the current mental state but as well a prognosis for treatment. At the same time there are increasing complaints from forensic psychiatrists about inappropriate hospital orders of »untreatable« people. We analyze the legal meaning of § 246a StPO and its significance for the various hospital orders (§§ 63–66b StGB). In every case the forensic psychiatrist has to be asked about the prognosis for treatment; we conclude with suggestions how to include this prognostic statement in the decision making process on hospital orders (§§ 63, 62 StGB). Key words: Hospital order, forensic psychiatry, psychiatric report, prognosis, treatability
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