Recht & Psychiatrie 3/2010

Wolfgang Lesting beschäftigt sich mit den fehlenden gesetzlichen Grundlage des Vollzugs der zivilrechtlichen Unterbringung und Josef J. Leßmann schreibt über die Differenzierung von Zuweisungen und Unterbringungen nach PsychKG. Der Beitrag "Sexuelle Identität ins Grundgesetz?" von Friedemann Pfäfflin kann als PDF-Datei herunter geladen werden.

Originalbeiträge

  • Friedemann Pfäfflin: Sexuelle Identität ins Grundgesetz?
  • Josef J. Leßmann: Zur Differenzierung von Zuweisungen und Unterbringungen nach PsychKG
  • Wolfgang Lesting: Vollzug ohne Vollzugsrecht – Zur fehlenden gesetzlichen Grundlage des Vollzugs der zivilrechtlichen Unterbringung

Rechtsprechung

  • BSG - Urteil v. 07.05.2009 – B 14 AS 16/08 R: Arbeitslosengeld II bei Vollzugslockerungen im Maßregelvollzug
  • BSG - Urteil v. 16.12.2009 – B 7 AL 9/08 R: Prozessunfähigkeit trotz Aufhebung einer Betreuung
  • BGH - Urteil v. 08.12.2009 – VI ZR 284/08: Behebung der Prozessunfähigkeit durch Bestellung eines Betreuers
  • OLG Rostock - Beschluss v. 23.10.2009 – 6 W 33/09: Unterbringung eines alkoholkranken Betreuten
  • BVerfG - Beschluss v. 19.05.2010 – 2 BvR 769/10: Fortdauer menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • BGH - Beschluss v. 12.05.2010 – 4 StR 577/09: Menschenrechtswidrige nachträgliche Sicherungsverwahrung: Entlassung des Betroffenen
  • OLG Frankfurt/M. - Beschluss v. 24.06.2010 – 3 Ws 485/10: Beendigung menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • OLG Frankfurt/M. - Beschluss v. 01.07.2010 – 3 Ws 539/10: Beendigung menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • OLG Koblenz - Beschluss v. 07.06.2010 – 1 Ws 108/10: Fortdauer menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • OLG Stuttgart - Beschluss v. 01.06.2010 – 1 Ws 57/10: Fortdauer menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • OLG Hamm - Beschluss v. 12.05.2010 – 4 Ws 114/10: Beendigung menschenrechtswidriger Sicherungsverwahrung
  • BVerfG - Beschluss v. 21.01.2010 – 2 BvR 660/09: Unverhältnismäßigkeit des psychiatrischen Maßregelvollzuges: Dauer der Unterbringung, Alter des Untergebrachten
  • BGH - Beschluss v. 19.01.2010 – 3 StR 499/09: Teilvorwegvollzug einer Parallelstrafe aus demselben Urteil vor Unterbringung in Entziehungsanstalt
  • BGH - Beschluss v. 02.02.2010 – 4 StR 9/10: Schuldfähigkeit; Maßregelanordnung
  • BGH - Urteil v. 11.03.2010 – 4 StR 473/09: Ablehnung nachträglicher Sicherungsverwahrung nach Erledigung des psychiatrischen Maßregelvollzuges
  • OLG Köln - Beschluss v. 12.04.2010 – 2 Ws 149/10: Umwandlung des Haftbefehls in einen Unterbringungsbefehl

Buchbesprechungen

  • Laufs A, Katzenmeier C, Lipp V (2009): Arztrecht und Laufs A, Kern B-R (2010) Handbuch des Arztrechts (Birgit Hoffmann)
  • Kammeier H (Hg.) (2010): Maßregelvollzugsrecht. Kommentar (Heinz Schöch )

Friedemann Pfäfflin: Sexuelle Identität ins Grundgesetz?

Am 21. April 2010 tagte der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages, um über die Anträge von drei Oppositionsparteien zu beraten, die sexuelle Identität explizit mit in Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes aufzunehmen, in dem es um Schutz vor Diskriminierung geht. Gleichzeitig gibt es eine starke Bewegung, die darauf drängt, in der Revision des Diagnostischen und Statistischen Manuals (DSM-5) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung die Diagnose Geschlechtsidentitätsstörungen zu streichen, weil es für Transsexuelle und andere Geschlechter diskriminierend sei, mit einer psychiatrischen Diagnose versehen zu werden. Der Beitrag skizziert die Geschichte des Identitätsbegriffs im Allgemeinen und im Besonderen diejenige des Begriffs der Geschlechtsidentität und kommt zu dem Ergebnis, dass es der beantragten Grundgesetzänderung nicht bedarf.
Schlüsselwörter: Sexuelle Identität, Grundgesetz, Transsexualismus, Gender
Gender Identities
On April 21, 2010, the Committee for Legal Affairs of the German Parliament met in Berlin to discuss petitions of three factions of Parliament to include gender identies into Art. 3, Abs. 3 of the German Constitution (Grundgesetz), a paragraph that lists factors such as sex, race, origin, belief, mother language etc. to be protected against discrimination. Parallel to this discussion there is an ongoing debate about deleting Gender Identity Disorders from the Diagnostic and Statistical Manual (DSM-5) of the American Psychiatric Association as such a psychiatric diagnosis automatically contributes to discrimination of gender variant people. The paper reflects on the history of the term identity in general and especially on gender identity and concludes that an amendment of the German Constitution is not needed.
Key words: Gender identity, antidiscrimination, gender variance, transsexualism

Josef J. Leßmann: Zur Differenzierung von Zuweisungen und Unterbringungen nach PsychKG

Wiederholt wurde in der Vergangenheit kritisch über die Zunahme von Zwangsunterbringungen in psychiatrische Behandlung berichtet. Teilweise wurde der Hinweis gewagt, in Kommunen mit psychiatrischen Fachkliniken sei dieser Anteil größer als bei solchen mit psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern.
Für das Jahr 2009 wurden in den beiden regionalen LWL-Fachkliniken (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) Warstein und Lippstadt alle PsychKG-Zuweisungen detailliert erfasst in Bezug auf den weiteren rechtlichen Verfahrensgang und die gerichtlichen Entscheidungen.
Dabei zeigte sich, dass ein hoher Anteil der zunächst fremdbestimmt zugewiesenen Patienten nach Aufklärung und Erstkontakt in der Klinik das stationäre Therapieangebot freiwillig annahm und es gar nicht zu einer gerichtlichen Unterbringung kam.
Dennoch birgt auch aktuell noch das PsychKG-Verfahren einige kritisch zu beleuchtende Aspekte, welche den zuständigen Akteuren in jedem Einzelfall aufmerksame Sorgfalt abverlangen. Regional/kommunal sollten die Verfahrensbeteiligten eine regelmäßige Netzwerkarbeit/-austausch vereinbaren.
Schlüsswörter: Zwangseinweisungen, Zwangsunterbringungen, Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten, einheitliche Erfassung der Verfahrens-Entscheidungen
Different numbers of compulsory admissions and detentions for treatment in Germany
Critical reports on the increase of compulsory admissions in psychiatric institutions suggested that compulsory admission occurs more frequently in communities with specialist psychiatric hospitals than in communities with psychiatric departments situated in general hospitals.
In 2009 all mental health act assignments in two neighbouring communities, one with a psychiatric hospital, the other one with a psychiatric department in a general hospital in North Rhine-Westphalia were recorded. Data were collected on legal procedures and detention in hospital. A large proportion of compulsorily admitted patients remained in hospital voluntarily and detention orders were not required.
Nevertheless the compulsory treatment process has some aspects which require critical appraisal by the responsible medical staff and diligence in every single case. Regular networking between those involved in compulsory admission and detention is recommended.
Key words: Compulsory admission, detention, mental health law, North Rhine-Westphalia, Germany

Wolfgang Lesting: Vollzug ohne Vollzugsrecht – Zur fehlenden gesetzlichen Grundlage des Vollzugs der zivilrechtlichen Unterbringung

Anders als bei der öffentlich-rechtlichen Unterbringung hat der Gesetzgeber in Deutschland bei der zivilrechtlichen Unterbringung bewusst auf eine gesetzliche Vollzugregelung verzichtet. Die dieser Entscheidung zugrunde liegende Konzeption der Aufgabenverteilung zwischen Betreuer, Unterbringungseinrichtung und Betreuungsgericht ist wirklichkeitsfremd und verfassungsrechtlich äußerst problematisch. Der Bundesgesetzgeber muss dringend eine die Ausgestaltung und Beschränkung der Grundrechtseingriffe normierende und zugleich den Besonderheiten der zivilrechtlichen Unterbringung Rechnung tragende gesetzliche Regelung schaffen.
Schlüsselwörter: Zivilrechtliche Unterbringung, Vollzug der Unterbringung, Gesetzesvorbehalt
Civil detention in German guardianship law lacks in procedural regulation
Civil detention in German guardianship law is commonly used to detain people with mental health problems in psychiatric hospitals. According to the legislators’ intentions, however, this form of detention lacks in procedural regulations. This is based on unrealistic and constitutionally problematic concepts regarding the tasks of the guardian, the hospital and the guardianship court. Urgent legal reforms to shape and to limit the confinements on human rights involved in civil detention are required.
Key words: Detention, guardianship, procedural justice, mental health