Recht & Psychiatrie 1/2006

Die Ausgabe 1/2006 von Recht & Psychiatrie beschäftigt sich unter anderem mit der rechtliche Stellung des Psychologen im Strafvollzug nach dem Psychotherapeutengesetz, Heilpraktikergesetz und Strafvollzugsgesetz, mit Psychologen im Justizvollzug aus justizvollzugspraktischer und -psychiatrischer Perspektive und mit gewalttätigen Männern.

Originalbeiträge

  • Katrin Höffler und Heinz Schöch: Die rechtliche Stellung des Psychologen im Strafvollzug nach dem Psychotherapeutengesetz, Heilpraktikergesetz und Strafvollzugsgesetz
  • Norbert Konrad: Bemerkungen zur Stellung des Psychologen im Justizvollzug aus justizvollzugspraktischer und -psychiatrischer Perspektive
  • Paul Renn: Gewalttätige Männer: Wie Traumatisierung und desorganisierte Bindung zusammenhängen
  • Silke Harsch, Ferdinand Keller und Ulrich Jockusch: Vergleichende Studie von Sexualstraftätern im Strafvollzug und in der forensischen Psychiatrie

Rechtsprechungsübersicht

  • BGH/Urteil v. 4.5.2005 – I ZB 10/05: Vollstreckungsschutz gegen Zwangsräumung bei Suizidgefahr. Anmerkung Rolf Marschner
  • BSG/Beschluss v. 1.9.2005 – B 3 KR 19/04: Häusliche Krankenpflege in Wohnheim für psychisch Kranke. Anmerkung Rolf Marschner
  • OLG Schleswig/Beschluss v. 19.10.2005 – 2 W 120/05: Handelsregistereintragung einer Forensik gGmbH. Anmerkung Fritz R. Baur
  • LG Bamberg/Urteil v. 9.11.2004 – 1 O 479/03: Titelführung »Fachtherapeut für Psychotherapie« als Wettbewerbsverstoß
  • OLG Karlsruhe/Beschluss v. 28.1.2005 – 2 Ws 6/05: Erledigung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt bei Erreichen des Therapieziels trotz fortbestehender dissozialer Persönlichkeitsstörung. Anmerkung Helmut Pollähne
  • LG Hildesheim/Urteil v. 24.1.2005 – 12 Ks 17 Js 4944/94: Vollzug nachträglicher Sicherungsverwahrung im psychiatrischen Krankenhaus. Anmerkung Helmut Pollähne

Buchbesprechungen

  • Hoffmann B, Klie T (2004): Freiheitsentziehende Maßnahmen – Unterbringung und unterbringungs­ähnliche Maßnahmen in Betreuungsrecht und -praxis. (Ralf Stoffregen)
  • Köhler D (2004): Psychische Störungen bei jungen Straftätern. Eine Untersuchung zur Prävalenz und Struktur psychischer Störungen bei neu inhaftierten Jugendlichen und Heranwachsenden in der Jugendanstalt Schleswig. (Norbert Konrad)
  • Boese S (2003): Ausländer im Strafvollzug. Die Auswirkungen ausländerrechtlicher Maßnahmen auf die Realisierung des Vollzugszieles. Und Rieder-Kaiser A (2004): Vollzugliche Ausländerpro­blematik und Internationalsierung der Strafverbüßung. (Kai Bammann)
  • Hax-Schoppenhorst T, Schmidt-Quernheim F (2003): Professionelle forensische Psychiatrie. Das Arbeitsbuch für Pflege- und Sozialberufe. (Silke Penning)
  • Hoffmann-Richter U (2005): Die psychiatrische Begutachtung. Eine allgemeine Einführung. (Norbert Konrad)

Katrin Höffler und Heinz Schöch: Die rechtliche Stellung des Psychologen im Strafvollzug nach dem Psychotherapeutengesetz, Heilpraktikergesetz und Strafvollzugsgesetz
Das Strafvollzugsgesetz sieht in § 155 Abs. 2 StVollzG vor, dass im Vollzug (neben anderen dort genannten Berufsgruppen) Psychologen tätig sind. Dies ist auch institutionalisiert; der psychologische Fachdienst bildet einen wichtigen Pfeiler bei der Erfüllung des in § 2 S. 1 StVollzG verankerten Resozialisierungsauftrags. Während bisher Rechte, Aufgaben und Anforderungen an die im Vollzug angestellten Psychologen insbesondere aus dem Strafvollzugsgesetz abgeleitet wurden, vertrat kürzlich Guggenheim einen völlig neuen Ansatz.1 Danach soll die Tätigkeit des psychologischen Fachdienstes dem Psychotherapeuten- und Heilpraktikergesetz einschließlich der Strafdrohung des § 5 HpG unterstellt werden.
Nach dieser Auffassung fallen die meisten Behandlungsformen der Psychologen im Vollzug zum einen unter das Psychotherapeutengesetz, so dass nur noch approbierte Psychotherapeuten rechtmäßig im Vollzug behandeln dürften, zum anderen unter das Heilpraktikergesetz, das die Ausübung der Heilkunde ohne die dazu erforderliche Erlaubnis unter Strafe stellt.
Dieser Ansicht ist aus rechtlichen Gründen entschieden entgegenzutreten. Zum einen enthält das Strafvollzugsgesetz spezielle Vorschriften für den Behandlungsauftrag und die Gesundheitsfürsorge, zum anderen unterscheiden sich auch die tatsächlichen Gegebenheiten und Anforderungen im Strafvollzug stark von denen in Freiheit. Im vollzugsrechtlichen Kontext bleibt nur ein sehr kleiner Anwendungsbereich für heilkundliche Psychotherapie i.S.d. Psychotherapeutengesetzes.
Schlüsselwörter: Psychologen im Strafvollzug, Resozialisierungsvollzug, intramurale Psychotherapie, Psychotherapeutengesetz, Straftäterbehandlung als Heilkunde
Psychological treatment in prison – Legal requirements and conditions
According to section 155, paragraph 2 of the German penal law (Strafvollzugsgesetz), the work of psychologists is an important element of prison treatment. The psychological service makes an essential contribution to rehabilitation (section 2, sentence 1 of the German penal law).
In the past, the assignment of duties and responsibilities of psychologists was derived from penal law, but in a recent publication, it was argued that the special laws for psychotherapists (Psychotherapeutengesetz) and for nonmedical practitioners (Heilpraktikergesetz) should have precedence in prison.
According to this view, a licence to practise is required by psychologists providing treatment in prison. Without a licence the psychologists would incur a penalty under the terms of the law for nonmedical practitioners (section 5 Heilpraktikergesetz). The authors hold a different view: first, there are special rules contained in the penal law, and secondly the circumstances of treatment within the penal system are different to the ones in freedom. There remains only a small range of applications for healing psychotherapy in the penal system in terms of the special laws for psychotherapists (Psychotherapeutengesetz) and for nonmedical practitioners (Heilpraktikergesetz).
Key words: Psychologists in prison, rehabilitation, psychotherapy, special law for psychotherapists (Psychotherapeutengesetz)

Norbert Konrad: Bemerkungen zur Stellung des Psychologen im Justizvollzug aus justizvollzugspraktischer und -psychiatrischer Perspektive
Auch wenn zurzeit möglicherweise der zeitliche Aufwand für Psychotherapie bei Diplom-Psychologen, die im Justizvollzug tätig sind, angesichts der ihnen sonst zugewiesenen Aufgaben gering erscheint, bestätigen jüngere epidemiologische Studien in Deutschland frühere internationale Ergebnisse einer hohen Prävalenz psychischer Störungen bei Gefangenen, die einen Behandlungsbedarf begründen. Die dogmatisch postulierte Trennung zwischen Gesundheitsfürsorge und Rückfallprophylaxe bei der Behandlung dieser Störungen ist weder empirisch begründet noch unter therapeutischen Aspekten sinnvoll.
Schlüsselwörter: Psychologen, Justizvollzug, Prävalenz psychischer Störungen, Gesundheitsfürsorge, Rückfallprophylaxe
Psychologists working in German prisons viewing practical and psychiatric aspects
Psychologists working in German prisons probably take only little time for psychotherapy due to many other duties. This contrasts with the high prevalence of mental disorders requiring therapy, as found in recent epidemiological studies in German prisons and earlier international research. The dogmatically postulated distinction between health care treatment and relapse prevention in treating these disorders is not empirically founded and does not make sense regarding therapeutic practice.
Key words: Psychologists, prison, prevalence of mental disorders, health care, relapse prevention

Paul Renn: Gewalttätige Männer: Wie Traumatisierung und desorganisierte Bindung zusammenhängen
Zunächst werden die wesentlichen Grundzüge der Bindungstheorie referiert einschließlich Ergebnissen der Bindungsforschung zur Erklärung der Gewalttätigkeit von Männern. Anknüpfend an Bowlby lokalisiert der Autor die Wurzeln von Gewalttätigkeit in Störungen früher Bindungserfahrungen, wodurch sich das Selbst bedroht erlebt. Die Bedeutung des maladaptiven und destruktiven Verhaltens erschließt sich aus der Beziehungsmatrix bzw. den Bindungsmustern, wenn dem aktuellen Erleben des Gewalttäters mit angemessenem Verständnis begegnet wird. Zwischen Verlusterlebnissen, die nicht betrauert wurden, und unverarbeiteten Traumatisierungen einerseits sowie desorganisierten Bindungsrepräsentationen, Affektregulation und Gewalttätigkeit gegen andere im Erwachsenenalter andererseits bestehen enge Verbindungen. Es wird ein Therapiemodell vorgestellt, das darauf fokussiert, den Patienten dabei zu unterstützen, seine unverarbeiteten Traumata und die daraus resultierenden Affekte in einer hinreichend sicheren therapeutischen Beziehung zu bearbeiten. Gestützt auf dieses theoretische Modell, wird der »normale« Mörder in den Blick genommen. Ein Fallbeispiel aus der forensisch-therapeutischen Arbeit des Autors dient der Illustration der wichtigsten Aspekte des Modells und insbesondere des Zusammenhangs zwischen desorganisierter Bindung und der Gewalttätigkeit von Männern.
Schlüsselwörter: Gewalt, Trauma, Bindung, Affektregulierung, reflexive Funktion, Mentalisierung
Violent Men: The Link With Trauma and Disorganized Attachment
The author summarizes the main premises of attachment theory and the findings of attachment-informed research that help to explicate male affective violence. Following Bowlby, he proposes that violence is rooted in the disruption of processes of attachment, and constitutes a disorganized, maladaptive reaction to a perceived threat, or sense of endangerment, to the self. He argues that the meaning of a destructive act is to be discovered in the subject’s particular relational matrix, and that an understanding of such maladaptive behaviour is to be gained by attending to the person’s phenomenological experience. He emphasises the links between unmourned loss, unresolved trauma, disorganized attachment, affect regulation and interpersonal violence in adulthood. He presents a therapeutic model that recognizes the importance of helping individuals to regulate their traumatic affective states within a secure-enough therapeutic relationship. Using this theoretical paradigm, the author sets out his thinking on the »normal« murderer. He concludes by presenting a clinical case assessment from his forensic practice to illustrate salient theoretical points, in particular the nexus between disorganized attachment and male affective violence.
Key words: Violence, trauma, attachment, affect regulation, reflective function, mentalization

Silke Harsch, Ferdinand Keller und Ulrich Jockusch: Vergleichende Studie von Sexualstraftätern im Strafvollzug und in der forensischen Psychiatrie
Vor dem Hintergrund der Diskussion um Fehleinweisungen wird untersucht, ob sich Sexualstraftäter im Strafvollzug und Sexualstraftäter im Maßregelvollzug nach § 63 StGB hinsichtlich biografischer, kriminologischer und psychopathologischer Merkmale, die die Schuldfähigkeit und Prognose tangieren, voneinander unterscheiden. Insgesamt nahmen 40 nach § 63 StGB im Maßregelvollzug und 30 im Strafvollzug von Baden-Württemberg untergebrachte Sexualstraftäter an der Studie teil. In beiden Gruppen ergab sich eine hohe Gesamtprävalenz von Achse I-Störungen, vornehmlich Substanzmissbrauch/-abhängigkeit. Bei den Maßregelpatienten fanden sich mehr Paraphilien und Persönlichkeitsstörungen sowie ein geringeres psychosoziales Funktionsniveau. Außerdem wiesen sie häufiger Kriterien einer gestörten Sozialisation auf und hatten eine höhere einschlägige Vorstrafenbelastung. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass Sexualstraftäter, bei denen eine Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus angeordnet wurde, psychopathologisch auffälliger sind und häufiger biografische und kriminologische Risikofaktoren aufweisen. Es zeigt sich aber auch, dass ein erheblicher Teil der im Strafvollzug untergebrachten Sexualstraftäter psychische Störungen und Persönlichkeitsstörungen aufweist. Empfohlen wird bei allen Sexualstraftätern unabhängig von der Art der verhängten Sanktion eine differenzierte Erhebung der Psychopathologie mit Hinweisen zu Interventionsplanungen im Vollzug.
Schlüsselwörter: Sexualstraftäter, Maßregelvollzug, Strafvollzug, Psychopathologie
Sexual offenders in prison and in hospital – a comparative study
The study compares 40 sexual offenders being treated in a forensic psychiatric hospital with 30 sexual offenders serving a prison sentence. Both groups share a high prevalence of axis 1 disorders, mainly substance abuse or dependency. Offenders treated in hospital more frequently show disorders of sexual preference and personality disorders and lower levels of psychosocial functioning. They also had a more disturbed socialisation and had committed more sexual offences. The results suggest that sexual offenders treated in hospital are more likely to suffer from a psychiatric disorder and that they have a higher biographical and criminological risk profile. Yet, in a significant proportion of sexual offenders in prison we found psychiatric disorders and personality disorders. We recommend a thorough psychiatric assessment and treatment planning of all sexual offenders, whether in hospital or in prison.
Key words: Sexual offenders, forensic mental hospital, prison, psychopathology