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Vom Kranken über das Menschsein lernen.
Wer psychisch erkrankt, ist nicht von einem anderen Stern, sondern reagiert somatisch, psychisch und sozial auf eine Lebenssituation. Dieses "biopsychosoziale" Modell bedarf aber einer Einbettung. Die Anthropologie als Lehre vom Menschsein könnte so etwas leisten - und psychiatrische Behandlung in einen neuen Kontext stellen.
Wer psychiatrische Erkrankungen als zum Menschsein gehörige Möglichkeit begreift, muss sich Psychosen, bipolaren Erkrankungen oder auch Persönlichkeitsstörungen zuerst einmal verstehend nähern. So üblich es heutzutage zwar ist, beim Auftreten psychischer Krankheiten nach den sie vielleicht auslösenden »Life-Events« zu fragen, nach psychosozialen Kontexten also, so gilt doch für die meisten medizinisch geprägten Fachleute, dass es sich um Stoffwechselstörungen im Gehirn handelt. Diese Betrachtungsweise ist arg simplifizierend, das ahnen inzwischen viele, aber was tun in Konkurrenz etwa zu der herrlich empirischen Rezeptorforschung? Was - Philosophie?
Ausgehend von einer Vorlesungsreihe, die bereits seit dem Jahr 2000 am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg veranstaltet wird, haben Thomas Bock, Klaus Dörner und Dieter Naber einige der Referenten darum gebeten, ihre Themen als Aspekte einer psychiatrischen Anthropologie darzustellen. Das Buch Anstöße. Zu einer anthropologischen Psychiatrie versammelt mehr als zwanzig Beiträge, die psychische Phänomene aus philosophischen Blickwinkeln heraus zu verstehen versuchen. Dabei wird ganz und gar nicht auf die Biologie verzichtet, sie wird allerdings in einen weiteren Kontext integriert; sie wird als »Lehre vom Leben« verstanden (entgegen reiner Somatologie).
Das Buch als für die psychiatrische Versorgung "bereichernd" zu bezeichnen wäre eine glatte Untertreibung. Viele der Beiträge sind geradezu Augen öffnend und dürften die eigene psychiatrische Tätigkeit voranbringen. Das liegt auch daran, dass fast alle Texte behandlungspraktisch bleiben und sich nicht "im Allgemeinen" verlieren. Hier geht es nicht um eine hehre Theorie, hier geht es um praktisches Tun, um ein tieferes Verständnis von psychischen Beeinträchtigungen, um therapeutisches Handeln und letztlich um uns als Menschen.
Psychische Krankheiten gehören zum Menschsein dazu. Welche Ähnlichkeiten empfinden Sie zwischen sich selbst und den psychisch kranken Menschen, die Sie behandeln?
In bestimmten Krisen reagiere auch ich depressiv oder übersteigert manisch und manchmal bin auch ich sehr dünnhäutig. Umgekehrt erlebe ich gerade bei so genannten psychisch kranken Menschen sehr gesunde, sehr elementare Erlebnisweisen und Reaktionen. Es gibt kaum Menschen, die mich so tief berühren können wie »Verrückte«, und da spielt sicher eine Rolle, dass bekannte Seiten in mir selbst anklingen.
Hilft Ihnen ein anthropologisches Verständnis psychisch kranker Menschen weiter, wenn ein Patient extrem unsympathisch ist und um sich schlägt?
Also, schlagen, beißen und kratzen ist nicht unbedingt unsympathisch. Ich glaube, wenn man einen unsympathischen Menschen kennen lernt, entdeckt man immer auch etwas Sympathisches an ihm, wenn man sich bemüht. An sympathischen Menschen findet man ja auch Unsympathisches. Insofern kommt das eine gar nicht ohne das andere aus. Was mir hilft, ist der Vergleich mit einem Lehrer, der kann sich nämlich auch nicht aussuchen, wie seine Klasse zusammengesetzt ist. Er ist ganz einfach zuständig und das, finde ich, muss auch für uns Therapeuten gelten.
Was wird denn in einer Behandlung besser, wenn alle Fachleute psychische Krisen als »natürlich menschlich« auffassen? Verunsichert das nicht eher?
Eine Verunsicherung wäre wünschenswert, weil zu viel Sicherheit stört und aufs falsche Gleis führen kann. Was vor allem anders wird, ist, dass mit den Patienten mehr Kontakt über Sprache stattfindet, mehr Beziehung, dass man nicht nur das Andersartige betont, sondern auch das Gemeinsame – damit signalisiere ich auch mehr Selbstverständlichkeit. Das ist eigentlich eine Form, zu entängstigen und zu entstigmatisieren. Eine Psychiatrie, die das nicht tut, die Psychosen reduktionistisch begreift etwa als Transmittermangelerscheinung, hat zur Folge, dass viele Patienten abgeschreckt werden, denn sie spüren, dass irgendetwas in ihnen wichtig ist, das der Therapeut offenbar nicht wahrnimmt. Die Patienten spüren keinen Respekt vor ihnen als Menschen. Dann reagieren sie unkooperativ. In der Fachsprache heißen sie dann Non-compliance-Patienten. Obwohl die Medikamente inzwischen vielfältiger und zum Teil auch besser geworden sind, ist der Anteil der Non-compliance-Patienten nicht kleiner geworden. Das liegt daran, dass es nicht nur um die Chemie der Medikamente geht, sondern auch um die »Chemie« der Beziehung, darum, ob man dieselbe Sprache spricht. Und die Idee dieses Buches ist, sich wieder auf eine gemeinsame Sprache zu besinnen.
Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Sie veranlasst hat, sich für eine anthropologische Sichtweise einzusetzen?
Das ist eher lange gewachsen, vor allem über das Psychoseseminar und die dortige Auseinandersetzung zwischen den drei Perspektiven der Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen. Daraus ist nach und nach eine Art anthropologischer Sichtweise auf schizophrene Psychosen erwachsen, die man neben die pathologischen Kriterien stellen könnte, um diese zu vervollständigen. Irgendwann habe ich mir dann die Frage gestellt, ob die Erkenntnisse nicht auch auf andere psychische Erkrankungen übertragen werden können. Schließlich entstand aber auch der Wunsch, Brücken zu schlagen zwischen der hirnorganischen Psychiatrie und der sozialen Psychiatrie. Das Buch ist ein Versuch, eine solche Brücke zu schlagen mit Hilfe der Philosophie, mit Hilfe der grundlegenden Sicht auf den Menschen.
Was haben Sie denn von den psychisch Kranken gelernt?
Alles. Das was wir jetzt besprochen haben, das verdanke ich letztlich betroffenen Menschen aus dem Psychoseseminar, die über sich gesprochen haben. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es nicht nur um pathologische Prozesse geht, sondern um ganz elementare, wichtige menschliche Konflikte und Themen. Und dass psychotisch zu werden nicht bedeutet, dass da ein Wesen vom anderen Stern denkt und fühlt und handelt, sondern dass das, was da geschieht, zutiefst menschlich ist.
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